10.000 Schritte täglich – diese Zahl sitzt so tief in unseren Köpfen, dass sie kaum noch hinterfragt wird. Schrittzähler, Fitness-Apps, Krankenkassen-Bonusprogramme: Überall gilt die 10.000 als magische Grenze. Das Problem? Sie stammt aus einer Marketingkampagne, nicht aus einer Studie. Und aktuelle Forschung zeigt, dass dieses Ziel für viele Mitarbeitende nicht nur falsch, sondern im schlimmsten Fall sogar demotivierend ist. Das hat konkrete Konsequenzen für die Art, wie HR-Verantwortliche Schritte-Challenges und BGM-Maßnahmen konzipieren sollten.
Woher die 10.000 überhaupt kommen – und warum das wichtig ist
Die Zahl 10.000 hat ihren Ursprung nicht im Labor, sondern in Japan der 1960er-Jahre. Ein Hersteller von Schrittzählern nutzte den Begriff „Manpo-kei" – auf Deutsch: 10.000-Schritte-Zähler – als Produktnamen für eine Marketingkampagne rund um die Olympischen Spiele in Tokio 1964. Das Gerät verkaufte sich gut. Die Zahl verfestigte sich. Jahrzehntelang wurde sie von Gesundheitsbehörden, Unternehmen und Krankenkassen übernommen, ohne dass sie je systematisch wissenschaftlich untermauert wurde. In der Praxis zeigt sich, dass viele Mitarbeitende mit dieser Zahl starten, nach einer Woche merken, dass sie ihren Alltag kaum darauf ausrichten können – und dann ganz aufhören. Das ist kein Motivationsproblem. Das ist ein Zielsetzungsproblem.
Was aktuelle Studien wirklich zeigen
Die Wissenschaft hat die 10.000-Schritte-Marke in den letzten Jahren erheblich relativiert. Eine wegweisende Studie, veröffentlicht 2019 im JAMA Internal Medicine unter der Leitung von I-Min Lee von der Harvard University, untersuchte über 16.000 ältere Frauen und stellte fest: Bereits bei 4.400 Schritten täglich sank die Sterblichkeitsrate signifikant gegenüber sehr inaktiven Personen. Interessant dabei – der Nutzen stieg zwar weiterhin mit zunehmender Schrittzahl, flachte aber bereits bei etwa 7.500 Schritten spürbar ab. Mehr Schritte brachten nach diesem Punkt keinen proportional größeren Gesundheitsvorteil mehr.
Ähnliches bestätigt eine groß angelegte Meta-Analyse, die 2022 in The Lancet Public Health erschien und Daten aus 15 Studien mit fast 50.000 Probanden auswertete. Die Ergebnisse: Für Erwachsene mittleren Alters liegt die optimale Schrittzahl bezüglich Gesamtmortalität bei etwa 8.000 bis 10.000 Schritten täglich, für ältere Erwachsene ab 60 Jahren bereits bei 6.000 bis 8.000 Schritten. Wer also pauschal 10.000 als universelles Ziel für die gesamte Belegschaft ausgibt, ignoriert, dass Mitarbeitende unterschiedliche Ausgangssituationen, Altersgruppen und körperliche Voraussetzungen mitbringen. Eine 55-jährige Sachbearbeiterin braucht eine andere Zielvorgabe als ein 30-jähriger Außendienstmitarbeiter.
Besonders relevant für das betriebliche Gesundheitsmanagement ist auch eine Studie aus dem European Journal of Preventive Cardiology (2023), die zeigte, dass bereits 3.967 Schritte täglich das Herzerkrankungsrisiko messbar senken – und jeder zusätzliche Tausend-Schritte-Block das Risiko weiter reduziert. Das Fazit der Forschenden war eindeutig: Jeder Schritt zählt, und Verbesserungen sind auch weit unterhalb der 10.000-Marke möglich und bedeutsam.
Das psychologische Problem unrealistischer Ziele im BGM
Viele HR-Verantwortliche berichten, dass Mitarbeitende aus körperlich weniger aktiven Berufsgruppen – Büroangestellte, Verwaltungsmitarbeitende, IT-Fachleute – mit 10.000 als Tagesziel von Anfang an das Gefühl haben, gar nicht erst mitspielen zu können. Wer im Büro arbeitet, kommt laut Studien des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) im Schnitt auf nur 3.000 bis 5.000 Schritte täglich. Das bedeutet: Ein starres 10.000-Schritte-Ziel stellt für diese Gruppe eine Verdoppelung bis Verdreifachung der täglichen Aktivität dar – ein Ziel, das sich für viele sofort unmöglich anfühlt. Psychologisch ist das kontraproduktiv. Die Forschung zur Zielsetzungstheorie (Locke & Latham) ist hier eindeutig: Ziele müssen herausfordernd, aber realistisch erreichbar sein, um Motivation zu entfalten. Wer von Anfang an das Gefühl hat, zu verlieren, steigt aus – leise, ohne großes Aufheben.
Das Gegenteil gilt übrigens für besonders aktive Mitarbeitende: Für sie wirkt 10.000 als Ziel möglicherweise zu niedrig, um Anreiz zu bieten. Beide Extreme schwächen die Beteiligung und damit die Wirkung der gesamten BGM-Maßnahme.
Was das konkret für Ihre BGM-Strategie bedeutet
Die Konsequenz aus all dem ist nicht, dass Schritte-Challenges als Instrument falsch sind – ganz im Gegenteil. Die Konsequenz ist, dass starre Pauschalketten im Zielsystem überdacht werden sollten. Hier sind drei Ansätze, die sich in der Praxis als deutlich wirksamer erwiesen haben:
Individuelle Ausgangsmessung: Statt ein festes Tagesziel vorzugeben, lohnt es sich, zu Beginn einer Challenge eine Baseline zu erheben – also den tatsächlichen Schnitt der Mitarbeitenden in der ersten Woche. Anschließend kann das persönliche Ziel als prozentualer Anstieg zum Ausgangswert definiert werden. Wer ohnehin 8.000 Schritte täglich macht, strebt nach 10.000. Wer bei 3.500 startet, setzt sich 5.000 als Ziel. Das schafft für jeden Mitarbeitenden einen messbaren, echten Fortschritt.
Teambasierte Ziele statt Einzeldruck: Wenn das Ziel der Summe oder dem Durchschnitt eines Teams gilt, verteilt sich der Druck. Sehr aktive Mitarbeitende kompensieren phasenweise inaktivere Kolleginnen und Kollegen – und motivieren sie gleichzeitig, mehr beizutragen. Dieser Effekt ist gut dokumentiert: Soziale Ansteckung durch Bewegung ist real. Eine Studie aus dem Journal of Health Psychology (2018) zeigte, dass Menschen in sozialen Kontexten rund 20 Prozent aktiver werden als allein.
Fortschritt als Kommunikationsstrategie: Statt 10.000 als Ziellinie zu kommunizieren, sollte HR den relativen Fortschritt feiern. „Ihr Team hat diese Woche durchschnittlich 15 % mehr Schritte gemacht als in der Vorwoche" ist motivierender als „Ihr habt 7.800 von 10.000 Schritten erreicht". Botschaften, die Wachstum sichtbar machen, aktivieren das Belohnungssystem – und halten Mitarbeitende deutlich länger dabei.
Schrittziele richtig kommunizieren: Was HR-Teams in der Praxis beachten sollten
Die wissenschaftliche Neubewertung der optimalen Schrittzahl ist eine echte Chance für HR. Denn sie erlaubt es, das Thema Bewegung am Arbeitsplatz entstigmatisiert anzugehen. Mitarbeitende, die sich bei klassischen BGM-Maßnahmen wie Fitnesskursen oder Sportevents ausgegrenzt fühlen, weil sie sich als „nicht sportlich" einschätzen, können über niederschwellige Schrittziele abgeholt werden. Wer der Belegschaft vermittelt: „Auch 5.000 Schritte täglich sind wertvoller als nichts – und bereits eine relevante Verbesserung für Ihre Gesundheit", nimmt eine erhebliche Einstiegshürde weg. In der Praxis zeigt sich, dass Unternehmen, die diesen Kommunikationsansatz wählen, deutlich höhere Beteiligungsquoten bei Schritte-Challenges erzielen – insbesondere unter Mitarbeitenden, die sonst keine BGM-Angebote nutzen. Genau diese Gruppe ist jedoch die gesundheitlich relevanteste Zielgruppe.
Ebenso wichtig: Regelmäßige Mikro-Kommunikation während der Challenge. Wer Mitarbeitende einmal pro Woche mit einer Botschaft daran erinnert, dass jeder Schritt zählt – und nicht nur der 10.000ste –, hält die Motivation auch in der zweiten und dritten Woche hoch, wenn die anfängliche Begeisterung nachlässt.
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